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Genschel, Rudolf (geb. 30.3.1891 Kassel; gest. 5.8.1972)

Rudolf Genschel wurde am 30.3.1891 in Kassel geboren. Er hatte keine unbeschwerte Jugend; sein Vater starb früh, Mutter und Schwester ermöglichten durch Heimarbeit dem begabten Jungen den Besuch des Gymnasiums. Nach dem Abitur studierte er Biologie in Göttingen und Marburg, das Geld zum Lebensunterhalt musste er sich größtenteils leihen. Gegenüber seinen Kommilitonen, von denen die meisten aus begüterten Elternhäusern stammten, spielte er eine Außenseiterrolle, er lernte frühzeitig, was soziale Unterschiede bedeuteten, die ja nicht nur finanzielle Benachteiligung mit sich brachten, sondern oft auch Zurücksetzungen und Demütigungen durch die Mentalität der   Sprösslinge des deutschen Besitzbürgertums, und das prägte seine politische Orientierung lebenslang. Das Treiben der studentischen Korporationen stieß ihn ab, dagegen fand er in der Wandervogelbewegung vieles, was ihn anzog, vor allem das Streben nach einem Leben ohne die Konventionen des wilhelminischen Ständestaates.

Intelligenz und Fleiß R.G.s hatten zur Folge, dass er schon mit 23 Jahren sein Studium erfolgreich abschließen konnte, er bestand das Staatsexamen für das höhere Lehramt. Inzwischen war aber der Erste Weltkrieg ausgebrochen. R.G. wurde Soldat, erlitt schon bald eine schwere Hüftverletzung, die ihn zwang, zeitlebens beim Gehen einen Stock zu benutzen, und diente für den Rest des Krieges beim militärischen Wetterdienst.

Nach dem Ende des Krieges konnte R.G. endlich den angestrebten Beruf ausüben, den des Lehrers. Er schloss sich der pädagogischen Reformbewegung von Hermann Lietz an, deren Grundsätze und Methoden ihm sehr zusagten. So arbeitete er zunächst an der von Lietz geleiteten Internatsschule in Tübingen. Dort lernte er seine Kollegin Lisa Schüller kennen, die er bald darauf heiratete, die ihm drei Kinder schenkte und die ihm bis zu ihrem Tode 1968 helfend und beratend zur Seite stand. Ihr Verlust war der schwerste Schicksalsschlag in R.G.s Leben, der einzige, den er nicht mehr verwinden konnte.

Nach der Hochzeit fand R.G. eine Anstellung als Studienrat in Berlin-Köpenick. Sein Beruf machte ihm Freude, füllte ihn aber nicht ganz aus. Er hielt es für seine Pflicht, die Erkenntnisse seiner Wissenschaft, der Biologie, und die Erfahrungen seines Lebens zur Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse einzusetzen, die ja in der „Weimarer Republik“ keineswegs ideal waren. Die soziale Ungerechtigkeit, unter der er in seiner Jugend gelitten hatte und die es nach dem Krieg nach wie vor gab, machte ihn zum Sozialisten, der unsinnige Massenmord im Weltkrieg zum Pazifisten. So unterstützte er die Sozialdemokraten, die Naturschutzbewegung und die Blaukreuzler, die den Alkoholmissbrauch bekämpften (zu diesem Engagement hat die Kenntnis der Trinksitten der studentischen Korporationen sicher beigetragen).

All diese nebenberuflichen Aktivitäten musste R.G. einstellen, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Jetzt kam es für ihn darauf an, seinen Beruf auszuüben, ohne mit den Machthabern zu paktieren und ohne ihnen einen Vorwand zur Entlassung zu liefern. Das war gerade im Lehrfach Biologie besonders schwierig, weil Darwins Erkenntnisse in vergröberter und verfälschter Form eine Begründung für Rassismus, für die Lehre von Herrenvölkern und Sklavenvölkern und für den Antisemitismus und damit für wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie liefern sollten. Deswegen war es für R.G. zwar schmerzlich, aber auch eine gewisse Erleichterung, als er nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wieder zum Wetterdienst einberufen wurde.

Nach Kriegsende fand sich R.G. in Hannover wieder. Seiner Frau gelang es, mit ihren drei Kindern aus dem sowjetisch besetzten Köpenick herauszukommen und zu ihm zu ziehen. Bei dem Wiederaufbau des Bildungswesens in Niedersachsen nach 1945 erwies sich R.G. als einer der wenigen kompetenten Biologen, die die Herrschaft der Nationalsozialisten überlebt hatten, ohne sich kompromittiert zu haben. Darum erhielt er einen Ruf als Professor für Didaktik der Biologie an die Pädagogische Hochschule Hannover.
Endlich hatte er wieder die Chance, jungen Menschen die Biologie ohne ideologische Verfälschungen nahe zu bringen und sie in die Lage zu versetzen, ihr Wissen in angemessener Weise an ihre späteren Schüler weiterzugeben. Das war ein großes Glück für R.G., es war aber auch ein großes Glück für die Freigeistige Bewegung. Nach 1945 fand sich in Hannover eine ungewöhnlich große Zahl bedeutender Freigeister zusammen, deren jeweilige Fähigkeiten sich in idealer Weise ergänzten, unter ihnen der Naturwissenschaftler Professor Dr. Gerhard v. Frankenberg, der mitreißende Redner und Organisator Albert Heuer, der Kulturwissenschaftler Willi Henkel, der Fabrikant Karl Schrader und viele andere. Diese Männer sorgten dafür, dass die Versuche der Regierung Adenauer, die von der Verfassung vorgeschriebene Trennung von Staat und Kirche zu unterlaufen, zwar teilweise erfolgreich waren, besonders im Schulwesen, dass aber trotzdem die freigeistigen, freireligiösen und freidenkerischen Verbände wieder gegründet wurden und seither dafür sorgen, dass Menschen, die nicht mehr den Kirchen angehören, in ihnen eine geistige und weltanschauliche Heimat finden, die ihnen eine wirklichkeitsnahe und gut begründete Daseinsorientierung bietet.

R.G.s Anteil an dieser Arbeit bestand darin, dass er das naturwissenschaftlich begründete Weltbild des vor dem Ersten Weltkrieg gegründeten Deutschen Monistenbundes (heute: Freigeistige Aktion für humanistische Kultur e.V.) vertrat. Atheismus, Antiklerikalismus und Antifaschismus sind ja noch keine Weltanschauungen, sie sagen nur, was man nicht denkt und glaubt, nicht aber, was man an seine Stelle setzen will. Der Monismus, dessen Grundgedanke ist, dass alles, was in der Welt geschieht, natürliche Ursachen hat, und der den von Darwin bewiesenen und von Haeckel, Huxley und anderen popularisierten Umstand vertrat, dass auch der Mensch ein Naturwesen ist und von tierischen Vorfahren abstammt, bot ein in sich stimmiges, der erlebten Wirklichkeit nicht widersprechendes und mit einer humanistischen Grundüberzeugung zu vereinbarendes Weltbild an, das intellektuellen und ethischen Ansprüchen gerecht wurde. Um dieser Denkrichtung ein Forum zu schaffen, gründete R.G. die Zeitschrift Freigeistige Aktion, deren erster Redakteur er wurde und in der er den besten Köpfen unter den Freigeistern Gelegenheit bot, ihre Vorstellungen und Ansichten zu publizieren. Außerdem gehörte er zu den Mitbegründern der Freien Akademie, die es ebenfalls heute noch gibt und die seit 1956 auf ihren Jahrestagungen Wissenschaftler aller Denkrichtungen (natürlich auch christlich orientierte) zu Worte kommen lässt. Neben seiner Tätigkeit als Redakteur und Autor zeitkritischer Glossen in „seiner“ Zeitschrift war er bis ins hohe Alter hinein auch noch als Redner auf Kongressen und Versammlungen aktiv, wobei er bei Auseinandersetzungen niemals gehässig wurde – seine Waffe war eher freundliche Ironie.

R.G.s Erbe an seine Nachfolger besteht nicht nur aus dem, was er schriftlich und organisatorisch unter schwierigen Umständen geschaffen hat, was für sich genommen schon eindrucksvoll genug wäre, es besteht auch aus seinem Vorbild als Mensch. Er verachtete jeden billigen und schönfärberischen Trost, er versuchte nie, Leser und Hörer durch rhetorischen Glanz zu überreden, er erläuterte nüchtern und sachlich die Tatsachen und ermöglichte es ihnen dadurch, selbst zu denken und zu urteilen. Ein Schuss Skeptizismus und Selbstironie bewahrte ihn davor, zum selbstgerechten Moraltrompeter zu werden. Er lehrte den Humanismus nicht nur, er lebte ihn auch, bis er am 5. August 1972 für immer die Augen schloss.

Hartmut Heyder
(aus Lexikon freien Denkens, Ergänzungslieferung 2007)

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