F r e i g e i s t i g e  A k t i o n  f ü r  h u m a n i s t i s c h e  K u l t u r  e. V.
 
Jubiläum
Aktuelles
Organisation
Programm
Satzung
Mitgliedschaft
Persönlichkeiten
Verlag
Literaturhinweise
Workshops
Pressedienst-pfw
Linkliste
Impressum
Startseite
 
 
Willi (Wilhelm) Henkel wurde am 24. März 1897 geboren. 

Er war Soldat im Ersten Weltkrieg und kam von der Front nach Hannover mit dem festen Willen zurück, nie wieder Waffen zu tragen und von nun an eine bessere, freiere Welt mit aufzubauen. Der ehemalige Schüler von Gustav Wyneken war Junglehrer und wurde in Birkum bei Bremen zum ersten Mal eingesetzt. Hier brachte er seinen Schülern die natürliche Entstehung und die natürliche Entwicklung der Menschheit nahe, weshalb die preußische Behörde ein Amtszuchtverfahren gegen ihn anstrengte. Laut Anklage stand Henkels Unterricht im Gegensatz zu der im Religionsunterricht gelehrten biblischen Geschichte. 

Im Jahr 1922 wurde die erste Weltliche Schule in Hannover gegründet. Da die Zuwachsraten bei den jährlichen Einschulungen wuchsen und Schüler und Schülerin-nen aus allen Schuljahrgängen überwechselten, entwickelte sich bald die zweite Weltliche Schule. Als im Jahr 1927 die Zuzugssperre für auswärts tätige Lehrer nach Hannover aufgehoben wurde, kam Willi Henkel an eine Weltliche Schule.

Der Aufbau der Jugendorganisation der SPD „Die roten Falken“ in Hannover und Umgebung wurde Willi Henkel durch die SPD-Führung übertragen, weil er bei der Schuljugend sehr beliebt war. 

In den Jahren 1931/32 gab es in Hannover sechs vollständig ausgebaute Weltliche Schulen. Der Schulabschluss endete zu dieser Zeit meistens mit einer Jugendweihe, die die Freireligiöse Gemeinde durchführte. 1932 wurde Willi Henkel mit der Inszenierung einer modifizierten Jugendweihefeier betraut. In seiner Ansprache während der Feier wies er auf die drohende Gefahr der Nationalsozialisten hin. Es wurde die letzte große öffentliche Jugendweihefeier vor der Machtübernahme durch die NSDAP (1933).

Nach ihrer Machtübernahme löste die NSDAP die Weltlichen Schulen auf. Willi Henkel gehörte zu den Lehrern, die aus dem Schuldienst entlassen wurden. Er wurde des Hochverrats bezichtigt und ging deshalb in die sogenannte „innere Emigration“. Dank des hannoverschen Unternehmers Laves konnte er erst in Leipzig und später in Dresden unterkommen. Im Februar 1945 überlebte Willi Henkel die Bombenkatastrophe von Dresden mittellos. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte Willi Henkel im süddeutschen Raum, wo er als politischer Redakteur beim Südwestfunk arbeitete. Anfang 1946 kehrte er nach Hannover zurück. Willi Henkel trat wieder in den Staatsdienst ein und wurde im Kulturbereich für das „Jugendhilfswerk“ eingesetzt. Er war mit dem Aufbau von „Lehrersonderkursen“ beauftragt, in denen junge, intelligente und unbelastete Leute zunächst in einjähriger Ausbildung zu Lehrern herangebildet wurden, um den entstandenen Lehrermangel zu decken. Seine weitere Tätigkeit war die eines Oberregierungsrates.

Der Deutsche Monistenbund wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in München neu gegründet. Die Monisten aus dem Raum Hannover schlossen sich dem Deutschen Monistenbund an und gründeten dann einen Ortsverein in Hannover. 1963 übernahm Willi Henkel das Amt des Bundesvorsitzenden und blieb es bis 1987. Danach wurde er zum Ehrenvorsitzenden gewählt. 

Politisch hat Willi Henkel versucht, bei seinen Genossen, die beim Ältestenrat des Grundgesetz-Gremiums mitwirkten, das Interesse für eine reine Trennung zwischen Kirche und Staat zu fördern. Er wollte erreichen, dass bundesweit Weltliche Schulen vorgesehen werden. Doch der angestrebte Kompromiss war die Gemeinschaftsschule. Die „Arbeitsgemeinschaft für religionskundlichen Unterricht“ bildete sich, weil bei den weltlich orientierten Bevölkerungsgruppen nicht nur ein Interesse daran bestand, ihre Kinder vom Religionsunterricht abzumelden, sondern sie in Religionskunde unterrichten zu lassen. Auf Initiative von Willi Henkel wurde aus der „Arbeitsgemein-schaft für religionskundlichen Unterricht“ die „Gesellschaft zur Förderung des religionskundlichen Unterrichts“, die 1956 in das Vereinsregister eingetragen wurde. Willi Henkel war Geschftsführer der Gesellschaft und übernahm etwas später ihren Vorsitz, den er bis 1987 inne hatte.

Mit Helmut Müller, Albert Burmester und anderen Pädagogen aktivierte Willi Henkel 1947 die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Lehrer“ (ASL), die schon vor 1933 bestanden hatte. Der erste nationale Kongress nach 1945 fand 1948 in Gelsenkirchen statt. Willi Henkel und Richard Schröder wurden auf diesem Kongress zu Vorsitzenden gewählt, was Willi Henkel bis 1955 blieb. Auf der ASL-Konferenz 1950 in Herne gelang es Willi Henkel, den französischen Pädagogen Pierre Astier für die Gründung einer „Internationalen Union Demokratisch Sozialistischer Erzieher“ zu gewinnen. 1951 fand die Gründungskonferenz in Versailles statt.

1962 gehörten Willi Henkel und seine Frau Dr. Lore Henkel zur Gründungsgruppe „Freundeskreis Zentral- und Ostafrika e.V.“ In Zusammenarbeit mit dem Oberbür-germeister von Hannover, Holweg, und Stadtrat Lauenroth gelangen erfolgreiche Ausbildungsprogramme für junge Afrikaner, und in Malawi erfolgte 1968 ein Schulbau. 

1982 führten viele noch bestehenden Kontakte Willi Henkels mit ehemaligen Schülern aus der Zeit vor 1933 zu einer Wiedersehensfeier, zu der sich rund 800 Personen anmeldeten. Vom 24.4. bis zum 8.5.1983 lief eine Ausstellung, auf der Fotos, Dokumente, Bücher und Zeitschriften aus der Zeit vor 1933 gezeigt wurden. Willi Henkel starb am 14. Juli 1988. 

Seine Witwe Lore Henkel, ebenfalls aktives Mitglied der Freigeistigen Aktion für humanistische Kultur, reist noch immer ab und zu nach Malawi, um „ihre“ Schule mit den jungen Schülern zu besuchen. Zuletzt war die engagierte Rentnerin vor zwei Jahren dort, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen und Geld zu überbringen, das sie in Deutschland unermüdlich für den Erhalt und Ausbau der Bildungsanstalt sammelt. „Unsere Schule ist ein kultureller Mittelpunkt der Region an der Grenze zu Mosambique“, erzählt Lore Henkel. Inzwischen bestehe die Einrichtung aus fünf Leh-rerhäusern, 14 Klassenräumen, einem Hauswirtschaftszentrum und einer Tischlerwerkstatt. Besonders wichtig ist ihr, dass die sechs- bis 16-jährigen Jungen und Mädchen neben der allgemeinen Schulbildung vor allem auch gezielt über AIDS auf-geklärt werden. „Wir wollen einen aktiven Beitrag zur AIDS-Bekämpfung in Malawi leisten“, so Dr. Lore Henkel.

 
Leseprobe: 
Das monistische Jahrhundert

Es waren zwar nur wenige Personen, die sich am 11. Januar 1906 auf Veranlassung von Ernst Haeckel in Jena versammelten, um den Deutschen Monistenbund (DMB) zu gründen, aber es waren Menschen, die wußten, worauf es ankam. Es war die Zeit, in der neben einem “Stellvertreter Gottes auf Erden” Kaiser, Könige und Fürsten “von Gottes Gnaden” über Völker herrschten, die zu Gottesfurcht und Herrscherverehrung erzogen, durch knapp bemessene Schulbildung in geistiger Unmündigkeit gehalten, durch tendenziöse Erziehung manipuliert, unter ungleiches Recht gestellt (Drei-Klassen-Wahlrecht in Preußen, kein Frauenwahlrecht), als brave und gehorsame Untertanen die Klassenstruktur der Gesellschaft und die höchst ungleiche Verteilung von Besitz, Einkommen und sonstigen Lebensgütern als “gottgewollt” ansehen und respektieren sollten, gegebenenfalls aber - falls sie etwa aufmüpfig würden - durch Polizei und Klassenjustiz oder auch durch Militär schnell “auf Vordermann gebracht” werden konnten. 
Zu den breiten Massen, die als die Lastträger der so verfaßten Gesellschaft unter den vielfachen Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen Verhältnisse am meisten und am bittersten zu leiden hatten, gehörten diese zwölf im Januar 1906 in Jena Versammelten freilich nicht; fast alle waren Wissenschaftler, die in ihrer sozialen Stellung und Berufstätigkeit nur in geringem Maße durch Zensur, durch mangelndes Ansehen wohl kaum und durch wirtschaftliche Bedrängnis überhaupt nicht beeinträchtigt waren. Aber sie waren kenntnisreiche und von wahrer humanistischer Gesinnung erfüllte Männer; sie empfanden die stickige Atmosphäre, die Verflachung des Geisteslebens, die wachsende Gier der Mächtigen nach immer mehr Besitz und Herrschaft, die Bedenkenlosigkeit bei der Wahl der Mittel, die Überheblichkeit eines nicht gerade durch Geistesgröße hervorleuchtenden “blaublütigen” Adels und auf der andern Seite die durch Bildungsmängel, Unwissenheit und resignation, durch Armut und politische Rechtlosigkeit bedingte Unterwürfigkeit und fast völlige Ohnmacht der Beherrschten als menschenunwürdig, als ekelhaft und verwerflich. Und sie waren entschlossen, sich für die Veränderung der elenden Verhältnisse einzusetzen. Sie waren hochgebildet und beweglichen Geistes, hatten Kenntnisse und die Fähigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu analysieren, logisch zu denken und Schlußfolgerungen zu ziehen und sie waren moralisch integre Persönlichkeiten, die sich zu Solidarität und zum Gesamtwohl aller verpflichtet wußten.

Hier halte ich es nun für wichtig, daß man eine Tatsache, die von Anfang an für die monistische Bewegung in stärkerer oder geringerer Ausprägung charakteristisch war, richtig erkennt und niemals unberücksichtigt läßt: die Gründer und auch die späteren Führer des DMB waren hauptsächlich Wissenschaftler, Literaten und Intellektuelle, aber keine Politiker; sie waren Männer des Geistes und des Wortes, der Erziehung und der lauteren Ethik, aber nicht in betonter Weise Männer der Tat. An Kampfesmut fehlte es ihnen wahrlich nicht (das monistische Schrifttum ist prall gefüllt mit Polemik der verschiedensten Schärfegrade); aber ihre Kampfesfelder waren die Literatur oder die Versammlung, fast nie jedoch die politische Arena, der Wahlkampf, die Partei oder das Parlament: Es wird freimütig zugegeebn, daß vorstehend gar zu sehr verallgemeinert wird. Hier steht eben nicht der Raum zur Verfügung, den eine an sich notwendige mehr differenzierende Darstellung erfordern würde. Was von vielen Betrachtern des Monismus, gegnerischen und wohlwollenden, des öfteren als Heterogenität der Mitgliedschaft festgestellt wurde oder wird, kann man auch als Vielgestaltigkeit und Beweis innerorganisatorischer Toleranz bzw. demokratischer Gesinnung bezeichnen. “Heterogenität” - will sagen: Verschiedenheit der Auffassungen innerhalb einer weitegspannten Übereinstimmung über Grundsätze - gibt es in allen menschlichen Gemeinschaften, und wie die Geschichte lehrt, haben sogar Folter und Scheiterhaufen, Konzentrationslager und Galgen, Uniformität und Konformismus weder absolut noch auf Dauer garantieren können. Die Menschen sind nun einmal Individuen und darum ungleich - gleich sind sie nur nach dem Tode, und zwar, weil sie dann tatsächlich “verschieden” sind.

So ist es denn auch nicht verwunderlich, daß sich - wie es bei anderen Organisationen - Vereinen, Parteien, Kirchen usw. oft genug geschieht - auch in den DMB gelegentlich ideologische Wirrköpfe oder/und weltfremde Schwarmgeister verirren konnten.
Daß diesen wissenschaftlich Gebildeten und Berufstätigen der entsetzliche Mangel an Geistesbildung der großen Masse der Zeitgenossen, die doch höchstens 8 Jahre in der Schule, vielfach in Zwergschulen mit jämmerlichster Ausstattung, verbracht hatten, weitaus stärker als den andern Mitmenschen auffallen mußte und ihnen als eine hauptsache der sie beunruhigenden Misere erschien, kann m.E. niemanden verwundern. Geradezu frappierend aber wäre es gewesen, wenn sie, die Universitätsprofessoren, die Ärzte, Ingenieure, die Pädagogen, die Literaten und sonstigen Intellektuellen, die Sozialwissenschaftler, die Sozialpraktiker usw., die Überwindung der Unwissenheit, des Unverstandes und der Unvernunft nicht als Gebot allerhöchster Dringlichkeit und ganz besonders ihnen naheliegende Aufgabe angesehen hätten.

Und diese Aufgabe haben sie mit Mut, Fleiß, Umsicht, Ausdauer und Könnerschaft jahrelang durch Herausgabe von Büchern, Zeitschriften, durch Veranstaltungen von Tagungen, Vortragsreihen und Einzelvorträgen redlich erfüllt.
Auf welche Bedürfnisse und Aufgeschlossenheit sie dabei stießen, wird durch die Tatsache erhellt, daß innerhalb weniger Jahre in deutschen Landen Dutzende von Ortsgruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern entstanden, die regelmäßig vereinsinterne und öffentliche Versammlungen abhielten, die hauptsächlich der Verbreitung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse, weniger der Vereinspropaganda dienten. Für den betätigten Enthusiasmus und das Vertrauen zur Wissenschaft gab es gute Gründe, hatte doch das eben zu ende gegangene 19. Jahrhundert wissenschaftliche Fortschritte und Entwicklungen der technik gebracht, die tief in das Leben der Einzelnen und der Gemeinschaften eingriffen, revolutionäre Wandlungen der Gesellschaftsstruktur und der politischen Verhältnisse bewirkten oder vorbereiteten und vielfach eine Umwertung überlieferter Werte herbeiführten.
Stellvertretend für unzählige ndere seien hier nur folgende Namen genannt: Cuvier, Liebig, Darwin, Edward Tylor, Röntgen, Curie, Edison, D. F. Strauss, Eduard Reuss, Julius Lippert, Eduard meyer, Leopold v. Ranke, Adolf Bastian, Gustav nachtigall, Georg Schweinfurth, David Livingstone.

Und nur noch eine einzige Tatsache aus dem viel geschmähten 19. Jahrhundert: Napoleon und Goethe reisten in Pferdekutschen, Thomas Mann und Wilhelm II. per D-Zug mit 100 km/h, der letztere sogar im Sonderzug mit Salonwagen.
Das manchmal mit Stolz gepaarte Vertrauen auf die Wissenschaft hab von Anfang an gewissen Leuten, insbesondere Gegnern, als Anlaß gedient, “den” Monisten in Bausch und Bogen eine “naive Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit” nachzusagen. In der Tat sind einige Fälle bekannt, in denen Monisten in erregtem Enthusiasmus und euphorischer Stimmung von dem Fortschreiten von Wissenschaft und Technik wahre Wunderdinge erwarteten. Aber das waren ganz seltene Ausnahmen, die mit den Anhängermassen der “Wundergläubigkeit” in den religiösen Organisationen in keiner Weise gleichgesetzt werden dürfen. Haeckel, Ostwald, Arrhenius - um nur diese zu nennen - waren keine “Naivlinge”, und auch die anderen Wortführer des DMB waren vom Fortschrittsrausch nicht befallen. (...)

 
 
[zurück]