Leseprobe:
Das
monistische Jahrhundert
Es
waren zwar nur wenige Personen, die sich am 11. Januar 1906 auf Veranlassung
von Ernst Haeckel in Jena versammelten, um den Deutschen Monistenbund (DMB)
zu gründen, aber es waren Menschen, die wußten, worauf es ankam.
Es war die Zeit, in der neben einem “Stellvertreter Gottes auf Erden” Kaiser,
Könige und Fürsten “von Gottes Gnaden” über Völker
herrschten, die zu Gottesfurcht und Herrscherverehrung erzogen, durch knapp
bemessene Schulbildung in geistiger Unmündigkeit gehalten, durch tendenziöse
Erziehung manipuliert, unter ungleiches Recht gestellt (Drei-Klassen-Wahlrecht
in Preußen, kein Frauenwahlrecht), als brave und gehorsame Untertanen
die Klassenstruktur der Gesellschaft und die höchst ungleiche Verteilung
von Besitz, Einkommen und sonstigen Lebensgütern als “gottgewollt”
ansehen und respektieren sollten, gegebenenfalls aber - falls sie etwa
aufmüpfig würden - durch Polizei und Klassenjustiz oder auch
durch Militär schnell “auf Vordermann gebracht” werden konnten.
Zu
den breiten Massen, die als die Lastträger der so verfaßten
Gesellschaft unter den vielfachen Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen
Verhältnisse am meisten und am bittersten zu leiden hatten, gehörten
diese zwölf im Januar 1906 in Jena Versammelten freilich nicht; fast
alle waren Wissenschaftler, die in ihrer sozialen Stellung und Berufstätigkeit
nur in geringem Maße durch Zensur, durch mangelndes Ansehen wohl
kaum und durch wirtschaftliche Bedrängnis überhaupt nicht beeinträchtigt
waren. Aber sie waren kenntnisreiche und von wahrer humanistischer Gesinnung
erfüllte Männer; sie empfanden die stickige Atmosphäre,
die Verflachung des Geisteslebens, die wachsende Gier der Mächtigen
nach immer mehr Besitz und Herrschaft, die Bedenkenlosigkeit bei der Wahl
der Mittel, die Überheblichkeit eines nicht gerade durch Geistesgröße
hervorleuchtenden “blaublütigen” Adels und auf der andern Seite die
durch Bildungsmängel, Unwissenheit und resignation, durch Armut und
politische Rechtlosigkeit bedingte Unterwürfigkeit und fast völlige
Ohnmacht der Beherrschten als menschenunwürdig, als ekelhaft und verwerflich.
Und sie waren entschlossen, sich für die Veränderung der elenden
Verhältnisse einzusetzen. Sie waren hochgebildet und beweglichen Geistes,
hatten Kenntnisse und die Fähigkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse
zu analysieren, logisch zu denken und Schlußfolgerungen zu ziehen
und sie waren moralisch integre Persönlichkeiten, die sich zu Solidarität
und zum Gesamtwohl aller verpflichtet wußten.
Hier
halte ich es nun für wichtig, daß man eine Tatsache, die von
Anfang an für die monistische Bewegung in stärkerer oder geringerer
Ausprägung charakteristisch war, richtig erkennt und niemals unberücksichtigt
läßt: die Gründer und auch die späteren Führer
des DMB waren hauptsächlich Wissenschaftler, Literaten und Intellektuelle,
aber keine Politiker; sie waren Männer des Geistes und des Wortes,
der Erziehung und der lauteren Ethik, aber nicht in betonter Weise Männer
der Tat. An Kampfesmut fehlte es ihnen wahrlich nicht (das monistische
Schrifttum ist prall gefüllt mit Polemik der verschiedensten Schärfegrade);
aber ihre Kampfesfelder waren die Literatur oder die Versammlung, fast
nie jedoch die politische Arena, der Wahlkampf, die Partei oder das Parlament:
Es wird freimütig zugegeebn, daß vorstehend gar zu sehr verallgemeinert
wird. Hier steht eben nicht der Raum zur Verfügung, den eine an sich
notwendige mehr differenzierende Darstellung erfordern würde. Was
von vielen Betrachtern des Monismus, gegnerischen und wohlwollenden, des
öfteren als Heterogenität der Mitgliedschaft festgestellt wurde
oder wird, kann man auch als Vielgestaltigkeit und Beweis innerorganisatorischer
Toleranz bzw. demokratischer Gesinnung bezeichnen. “Heterogenität”
- will sagen: Verschiedenheit der Auffassungen innerhalb einer weitegspannten
Übereinstimmung über Grundsätze - gibt es in allen menschlichen
Gemeinschaften, und wie die Geschichte lehrt, haben sogar Folter und Scheiterhaufen,
Konzentrationslager und Galgen, Uniformität und Konformismus weder
absolut noch auf Dauer garantieren können. Die Menschen sind nun einmal
Individuen und darum ungleich - gleich sind sie nur nach dem Tode, und
zwar, weil sie dann tatsächlich “verschieden” sind.
So
ist es denn auch nicht verwunderlich, daß sich - wie es bei anderen
Organisationen - Vereinen, Parteien, Kirchen usw. oft genug geschieht -
auch in den DMB gelegentlich ideologische Wirrköpfe oder/und weltfremde
Schwarmgeister verirren konnten.
Daß
diesen wissenschaftlich Gebildeten und Berufstätigen der entsetzliche
Mangel an Geistesbildung der großen Masse der Zeitgenossen, die doch
höchstens 8 Jahre in der Schule, vielfach in Zwergschulen mit jämmerlichster
Ausstattung, verbracht hatten, weitaus stärker als den andern Mitmenschen
auffallen mußte und ihnen als eine hauptsache der sie beunruhigenden
Misere erschien, kann m.E. niemanden verwundern. Geradezu frappierend aber
wäre es gewesen, wenn sie, die Universitätsprofessoren, die Ärzte,
Ingenieure, die Pädagogen, die Literaten und sonstigen Intellektuellen,
die Sozialwissenschaftler, die Sozialpraktiker usw., die Überwindung
der Unwissenheit, des Unverstandes und der Unvernunft nicht als Gebot allerhöchster
Dringlichkeit und ganz besonders ihnen naheliegende Aufgabe angesehen hätten.
Und
diese Aufgabe haben sie mit Mut, Fleiß, Umsicht, Ausdauer und Könnerschaft
jahrelang durch Herausgabe von Büchern, Zeitschriften, durch Veranstaltungen
von Tagungen, Vortragsreihen und Einzelvorträgen redlich erfüllt.
Auf
welche Bedürfnisse und Aufgeschlossenheit sie dabei stießen,
wird durch die Tatsache erhellt, daß innerhalb weniger Jahre in deutschen
Landen Dutzende von Ortsgruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern entstanden,
die regelmäßig vereinsinterne und öffentliche Versammlungen
abhielten, die hauptsächlich der Verbreitung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse,
weniger der Vereinspropaganda dienten. Für den betätigten Enthusiasmus
und das Vertrauen zur Wissenschaft gab es gute Gründe, hatte doch
das eben zu ende gegangene 19. Jahrhundert wissenschaftliche Fortschritte
und Entwicklungen der technik gebracht, die tief in das Leben der Einzelnen
und der Gemeinschaften eingriffen, revolutionäre Wandlungen der Gesellschaftsstruktur
und der politischen Verhältnisse bewirkten oder vorbereiteten und
vielfach eine Umwertung überlieferter Werte herbeiführten.
Stellvertretend
für unzählige ndere seien hier nur folgende Namen genannt: Cuvier,
Liebig, Darwin, Edward Tylor, Röntgen, Curie, Edison, D. F. Strauss,
Eduard Reuss, Julius Lippert, Eduard meyer, Leopold v. Ranke, Adolf Bastian,
Gustav nachtigall, Georg Schweinfurth, David Livingstone.
Und
nur noch eine einzige Tatsache aus dem viel geschmähten 19. Jahrhundert:
Napoleon und Goethe reisten in Pferdekutschen, Thomas Mann und Wilhelm
II. per D-Zug mit 100 km/h, der letztere sogar im Sonderzug mit Salonwagen.
Das
manchmal mit Stolz gepaarte Vertrauen auf die Wissenschaft hab von Anfang
an gewissen Leuten, insbesondere Gegnern, als Anlaß gedient, “den”
Monisten in Bausch und Bogen eine “naive Fortschritts- und Wissenschaftsgläubigkeit”
nachzusagen. In der Tat sind einige Fälle bekannt, in denen Monisten
in erregtem Enthusiasmus und euphorischer Stimmung von dem Fortschreiten
von Wissenschaft und Technik wahre Wunderdinge erwarteten. Aber das waren
ganz seltene Ausnahmen, die mit den Anhängermassen der “Wundergläubigkeit”
in den religiösen Organisationen in keiner Weise gleichgesetzt werden
dürfen. Haeckel, Ostwald, Arrhenius - um nur diese zu nennen - waren
keine “Naivlinge”, und auch die anderen Wortführer des DMB waren vom
Fortschrittsrausch nicht befallen. (...) |