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Bayerische Staatszeitung vom 6. April 1932

Wilhelm 0stwald gestorben

In Groß-Bothen, wo er ein eigenes Laboratorium hatte, ist in der Nacht zum Montag der berühmte Gelehrte der Naturwissenschaft und Philosoph Wilhelm Ostwald, der Begründer der "energetischen Weltanschauung" gestorben.
Wilhelm 0stwald wurde am 2. September 1853 in Riga geboren, war 1882 als ordentlicher Professor am Baltischen Politechnikum in Riga tätig und folgte im Jahre 1887 einem Rufe der physikalischen Chemie an die Universität in Leipzig. 1905 war er Visiting-Professor an der Harvard-Universität in Cambridge und der Columbia-Universität in New-York. Im Jahre 1906 legte er sein Professoramt in Leipzig nieder, um weiter nur seinen wissenschaftlichen Studien leben zu können, für die er 1909 mit dem Nobelpreis für Chemie bedacht wurde. Ostwalds Ruf als einer der bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit geht über die ganze Welt. Er war Ehrendoktor vieler Universitäten und Mitglied der dänischen, russischen, österreichischen, holländischen, amerikanischen Akademien der Wissenschaften.
Seine Hauptbedautung lag in seiner Tätigkeit als Erbauer eines einheitlichen Lehrgebäudes der physikalischen Chemie. Erst sein Werk führte den Fachgenossen, die auf die beschreibende oder präparative Chemie das Hauptgewicht legten, vor Augen, daß es auch allgemeinere chemische Eigenschaften und Vorgänge gebe. Man beschäftigte sich jetzt weit eingehender mit den Vorgängen, die bei der elektrolytischen Zersetzung stattfinden. Man konnte nicht mehr bei der Faradayschen Auffassung stehen bleiben, daß erst durch die elektrische Kraft (bei der Elektrolyse) die Moleküle in ihre entgegengesetzt geladenen Teile (Atome, Molekülrest, von Faraday die Ionen genannt) zerrissen werden. Man mußte vielmehr annehmen, daß in den verdünnten wässerigen Lösungen die Salze nicht als Verbindung enthalten sind, sondern nur in ihren Bruchstücken.
Auf der anderen Seite ist Ostwald auch als Denker und Kämpfer hervorgetreten. Er ist der Führer der monistischen Bewegung geworden. Einige Jahre vor dem Krieg hatte Ostwald ferner eine Vereinigung organisiert, die sich "Die Brücke" nannte und der Energievergeudung des modernen Wirtschaftslebens durch eine gewisse Art der Normierung allgemein im Gebrauch befindlicher Verkehrsmittel usw. zuleibe gehen wollte (z.B. durch Normalformat der Briefbogen, Zeitschriften usw.) Die Vereinigung ist eingeschlafen, aber der Gedanke selbst macht Fortschritte.
Später hat Ostwald sich insbesondere mit einer neuen Farbenlehre befaßt, deren bisher verborgene Gesetze er aufgedeckt hat. Von seinen zahlreichen Werken seien genannt: "Lehrbuch der allgemeinen Chemie" (1885-1887), "Thermogynomische Studien", "Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus", "Grundriß der Naturphilosophie", "Grosse Männer", "Entwicklung der Elektrochemie", "Wider das Schulelend" und "Monistische Sonntagspredigten", "Der energetische Imperativ" (1912), "Das Christentum als Vorstufe des Monismus" (1913), "Moderne Naturphilosophie" (1914), "Die Farbenfibel" (1916, 11. Auflage 1925), "Die Farbenlehre" (zwei Bände, 1918-1919), "Die Harmonie der Farben" (1918), "Die Farbschule" (1919), "Die Welt der Formen" (1922-1924), "Farbkunde" (1923). Von Ostwald stammt auch die Farbtafel in der jeder Farbton mit einer Nummer bezeichnet wird und so rasch jede Nuance festgestellt werden kann. Seit 1921 war er Herausgeber der Zeitschrift "Die Farbe".
Seit 1906 lebte der ideal gesinnte Gelehrte in der Stille seines Landhauses "Energie" in Groß-Bothen, etwa eine Bahnstunde von Leipzig entfernt, und fand 1926 noch Muße, eine Selbstbiographie "Lebenslinien" (Verlag Klasing u. Co., Berlin) herauszugeben.
 

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