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Gerhard von Frankenberg

Am 12. Oktober 1892 wurde Gerhard von Frankenberg und Ludwigsdorf in Braunschweig geboren.
Braunschweig war seine Heimat, hier wuchs er auf, und hier begann er auch seine Laufbahn als Wissenschaftler. Die Wissenschaft war bei ihm jedoch nie der ganze Inhalt seines Lebens, obwohl sie bei ihm einen sehr wichtigen Platz einnahm.
Im Nachhinein betrachtet und bei Würdigung seines Lebenswerkes muss man wohl sagen, dass die Wissenschaft das Fundament für sein weiteres Schaffen bildete, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen war sie natürlicher Grundstock, auf den sich trefflich aufbauen ließ, wobei seine Fachrichtung, die Zoologie, seinem weiteren Tun als ganz besonders geeignete Basis diente; stand Frankenberg doch in der Tradition von Darwin, Haeckel und Ostwald, um nur die Wichtigsten zu nennen, und hatte er doch zu den Jenaer Biologen und Monisten, die auf die Tradition Ernst Haeckels fußten, gute Beziehungen. Die Beziehung zu Jena wurde erst durch die Teilung Deutschlands und die politischen Zwänge, die durch das SED-Regime ausgeübt wurden, beendet.
Darüber hinaus waren Frankenbergs Interessen auch im politischen und gesellschaftlichen Bereich zu finden. Deshalb trennte er sich schon sehr früh nach dem Ersten Weltkrieg von der Kirche, nachdem er vorher bereits der SPD beigetreten war. Er war Mitbegründer des Reichsbanners. Seine Gesinnung wurzelte in der Weimarer Republik und war von daher demokratisch und nicht monarchistisch, wir man es aufgrund seiner familiären Abstammung hätte vermuten können.
Er studierte in Heidelberg, Braunschweig und Leipzig. In Leipzig promovierte er dann auch. Im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main trat er seine erste Stelle als Assistent an, die er später verließ, um nach Braunschweig zurückzukehren. Die Rückkehr nach Braunschweig wiederum war mit einem Berufswechsel verbunden, denn er avancierte dort im Rahmen seiner politischen Tätigkeit zum Pressesprecher der Landesregierung. Natürlich wurde er auch in den Braunschweiger Landtag gewählt. Durch die Berufung zum Inspektor des Naturhistorischen Museums in Braunschweig, dessen Leitung er übernahm, kehrte er wieder zur wissenschaftlichen Arbeit zurück. In der Folgezeit wurde Frankenbergs Arbeit durch seine Ernennung zum Direktor anerkannt, und es wurde ihm gleichzeitig die Aufgabe übertragen, im Rahmen der Technischen Hochschule Braunschweig ein zoologisches Institut zu gründen, dessen erster Direktor er ebenfalls wurde.
Schon sehr früh begann Gerhard von Frankenberg, bei Bildungseinrichtungen mitzuarbeiten, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, die Volksbildung, also das allgemeine Bildungsniveau, zu heben. Seine Beiträge dienten der politischen Aufklärung genauso wie der Popularisierung der Wissenschaft oder besser gesagt, der wissenschaftlichen Erkenntnis, der Bekämpfung des Okkulten und des Aberglaubens.
Aus dieser geistigen Ausrichtung ergab sich zwangsläufig ein Eintreten für Geistesfreiheit und Humanismus.
Speziell während der Nachkriegsperiode profilierte sich Gerhard von Frankenberg dermaßen, dass er, egal in welchem freigeistigen Verband auch immer, als „unser Professor von Frankenberg“ angesehen wurde. Er war, wie man es heute ausdrücken würde, die „Integrationsfigur“ schlechthin. Seine Aufsätze und anderen Publikationen waren für alle geschrieben und wurden von allen gelesen, egal ob sie Freidenker, Freireligiöse, Monisten oder Unitarier waren.
Ein Mann seiner Qualifikation und seiner Gesinnung musste zwangsläufig mit den Nationalsozialisten zusammenstoßen. Prof. Gerhard von Frankenberg wurde 1933 seines Postens als Museumsdirektor enthoben und mit einer kleinen Pension aus dem Berufsleben entfernt – für einen Wissenschaftler eine wahrlich existentielle Bedrohung. Es war angezeigt, aus dem Gesichtskreis der neuen Braunschweiger Machthaber zu verschwinden. Frankberg setzte sich mit seiner Familie nach Hannover ab, wo er, der als Regimegegner bekannt war, dann später auch im Zuge der Verhaftungswelle, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler stattfand, ins Konzentrationslager Neuengamme gebracht wurde. Hier wurde er bis zum Herbst 1944 interniert, länger als viele andere, die nach ihrer Überprüfung wieder freigelassen wurden. Seine Witwe, Elisabeth von Frankenberg, sah seine frühere Tätigkeit als Gauführer beim „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ als Grund dafür an.
Langwierige Interventionen guter Freunde führten letztendlich doch im Herbst 1944 zu seiner Entlassung oder besser gesagt Rettung.
Doch kommen wir auf die ersten Jahre in Hannover zurück. Hier musste der Professor mit seiner Familie ein sehr karges Leben führen, denn die ihm zustehenden Bezüge waren sehr knapp bemessen. Die Lage veränderte sich langsam durch den sich einstellenden Erfolg als Publizist. Für Gerhard von Frankenberg, der ein Leben als Privatgelehrter führte, war es zu der Zeit wichtig und hilfreich, dass er die Einrichtungen des Provinzialmuseums (heute Landesmuseum) in Hannover benutzen durfte. In jenen Jahren war er mit dem damaligen Museumsdirektor Dr. Hugo Weigold befreundet.
Nach dem Kriege nahm Frankenberg in Braunschweig seine berufliche Tätigkeit wieder auf, wurde aber aufgrund eines Herzleidens frühzeitig in den Ruhestand versetzt.
1946 wurde auf Anordnung der Militärregierung das Land Niedersachsen gegründet. Die vier ehemaligen selbstständigen Länder Hannover, Brauschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe wurden aufgelöst und gingen in dem neuen Land auf. Prof. Dr. von Frankenberg wurde gebeten, am 21. Nobember einen Vortrag anlässlich der Schlusssitzung vor der Auflösung des Braunschweiger Landtags zu halten. Dieser Vortrag zeigte die Entwicklung Braunschweigs von den Tagen Heinrichs des Löwen an bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Professor von Frankenberg erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen, indem er so geschichtsbewusst und kenntnisreich seine Zuhörer mit Braunschweigs Vergangenheit konfrontierte und dabei gleichzeitig den Bogen zur damaligen Gegenwart schlug, wie es wohl kaum ein anderer besser hätte machen können. In dem Vortrag fanden natürlich auch die revolutionären, sozialen und freiheitlichen Bestrebungen des Braunschweiger Landes einschließlich seiner Schulgesetzgebung, die bezüglich der religiösen Frage vorbildlich war, einen gebührenden Platz.
In der Nachkriegszeit gehörte der Biologe mit zu den prominentesten Vertretern der freigeistigen Verbände. Er war Präsident des Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit (DVfG) – heute umbenannt in Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V. (DFW) – der als Nachfolge-Organisation der Arbeitsgemeinschaft freigeistiger Verbände im Oktober 1949 gegründet wurde. Später wurde Frankenberg Ehrenpräsident im DVfG. Bei dem 1946 wieder gegründeten Deutschen Monistenbund – ab 1956 in Freigeistige Aktion/Deutscher Monistenbund e.V. umbenannt und seit 2003 Freigeistige Aktion für humanistische Kultur e.V. – wurde er ebenfalls bereits 1947 in die Ehrenpräsidentschaft berufen.
Die Arbeit und Mitgliedschaft im DVfG und in der Freigeistigen Aktion/DMB kam nach dem Kriege zustande, da nach dem Dritten Reich die kirchliche Reaktion verhältnismäßig groß war und sich viele Menschen genötigt sahen, aus den verschiedensten Gründen wieder in die Kirche einzutreten. Prof. von Frankenberg erkannte es als seine Pflicht, für seine Überzeugung einzutreten und den Kirchenfreien zu helfen. Deshalb gab er dem Drängen von Männern wie Albert Heuer nach und engagierte sich von dem Zeitpunkt an in der freigeistigen Bewegung.
Gerhard v. Frankenberg hat einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung freigeistigen Gedankenguts geleistet. Den heute vielerorts aufblühenden Kreationismus beispielsweise hat er schon in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts widerlegt.
Mit liebevoller Hingabe versuchte er stets, den Dingen auf den Grund zu gehen. Eingehend untersuchte er viele Gegenstände der Biologie und kam zu Schlüssen, die ihn zu einer Art Naturphilosophie brachten. Dennoch verstand er sich ebenso gut auf die menschlichen Stärken und Schwächen, die auszuleuchten ihm offenbar große Freude bereitet haben muss. Was seine Texte trotz aller kritischen Töne noch heute so liebenswert erscheinen lässt, ist seine Gabe zur Harmonisierung, seine große Toleranz gegenüber Andersdenkenden und sein Verständnis für alles Menschliche, auch wenn es nicht seine eigene Anschauung war. Stets wollte er andere verstehen. Wer sich um eine eigene Weltanschauung bemühte, erhielt seine volle Anerkennung, selbst wenn er damit zu anderen Ergebnissen kam als er selbst. Die Fähigkeit, große Zusammenhänge allgemein verständlich zu erläutern, machte Gerhard v. Frankenberg zu einem gleichermaßen beliebten Redner wie Autor zahlreicher Zeitschriftenartikel und Bücher. – Am 30. November 1969 verstarb Gerhard von Frankenberg in Hannover.

Arnher E. Lenz
(aus: Die Wahrheit soll man nie fürchten! Angelika Lenz Verlag 2006)

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