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Mai 2006: Seminar "Was ist Bioethik?"
Das
Seminar beschäftigte sich mit dem Begriff der "Bioethik", der mehrdeutig
verwendet werden kann. Zum einen bezeichnet er ein Forschungsgebiet der
angewandten Ethik, zum anderen ein höchst kontroverses Feld der Politik,
in dem z.B. über die Unterzeichnung der "Bioethik-Konvention" oder
die Zulässigkeit von embryonaler Stammzellforschung gestritten wird.
Dabei
ist der Versuch des Menschen, seine Umwelt zu beeinflussen, keinesfalls
eine Erscheinung der Neuzeit, denn durch Kreuzungen entstanden schon früh
neue Hunderassen und Pflanzenarten.
Doch
erlebten die sogenannten Lebenswissenschaften ("Lifescience") in den letzten
Jahrzehnten derart rasante Entwicklungen und Fortschritte, dass über
die mit den Fortschritten in Medizin und Wissenschaft verbundenen ethischen
Fragen im Umgang mit Leben in Politik, Forschung und Gesellschaft heftige
Diskussionen entbrannten. Mit diesen Fragen befasst sich die sogenannte
Bioethik. Sie beschäftigt sich u.a. mit folgenden Streitpunkten:
-
Darf
alles technisch Machbare auch getan werden?
-
Wo
liegen die Grenzen für die Forschungsfreiheit?
-
Welche
Folgen entstehen für unsere Gesellschaft und für künftige
Generationen durch die angewandten Medizintechniken und fehlende Gesetzgebungen?
Innerhalb
der Ethik werden einerseits unterschiedliche Ethiktheorien (Utilitarismus,
Kantische Ethik, Diskursethik, Tugendethik usw.) und andererseits verschiedene
Bereichsethiken (Medizinethik, Umweltethik, Wirtschaftsethik, Medienethik
usw.) unterschieden. Die Bioethik versteht sich in diesem Zusammenhang
als eine Bereichsethik, in der mit verschiedenen theoretischen Ansätzen
gearbeitet wird.
Der
Begriff "Bioethik" entstand in den USA. Der Biologe und Krebsforscher
Van Rensselaer Potter verwendete den Begriff 1970 als erster in einem Aufsatz
für eine neue wissenschaftliche Disziplin, die eine Brücke zwischen
biologischem Wissen und humanen Werten bauen sollte, um der Menschheit
ein Überleben zu ermöglichen. Unabhängig davon prägten
1971 der Arzt und Entwicklungsphysiologe Andre Hellegers und seine Kollegen
mit der Gründung des "Kennedy Institute for Human Reproduction and
Bioethics" den Begriff im Sinne biomedizinischer Ethik. Sie wollten damit
zum Ausdruck bringen, dass Fragen der modernen Biomedizin von der traditionellen
Medizinethik, die sich bis dahin auf Regeln und Codices der ärztlichen
Berufspraxis beschränkte, nicht hinreichend erfasst werden. Ihnen
ging es um einen verantwortlichen Umgang mit den neuen Möglichkeiten
der biomedizinischen Forschung und Praxis. Die beiden Positionen verbindet
die Ansicht, dass das wachsende Verfügungswissen der modernen Biowissenschaften
mit der zunehmenden Notwendigkeit ethischer Reflexion einhergeht.
Innerhalb
der Bioethik werden vor allem drei methodische Ansätze unterschieden
und kritisch diskutiert:
1.
Kasuistik: Die sogenannte Kasuistik geht von Präzedenzfällen
aus, bezieht sich auf moralische Alltagsüberzeugungen und gesellschaftlich
etablierte Praktiken, zieht Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Vergleichsfällen
heran und versucht auf diesen Grundlagen zu plausiblen ethischen Urteilen
zu gelangen.
2.
Theorieanwendung: Die hierzu entgegengesetzte Methode geht nicht von Einzelfällen,
sondern von einer Ethiktheorie aus und wendet diese "stur" auf ethische
Fragestellungen an. Das wohl prominenteste Beispiel hierfür ist der
Präferenzutilitarismus von Peter Singer. Sein Grundprinzip für
die ethische Urteilsbildung, das er nicht weiter begründet, ist die
Maximierung von Glück. Die Glückssumme wäre dann am größten,
wenn die Interessen oder Präferenzen der betreffenden Personen zusammengerechnet
optimal verwirklicht wären. Innerhalb seines Ansatzes kommt er so
zwar zu rationalen Urteilen, die jedoch selbst ethisch problematisch sind.
Das liegt v.a. daran, dass nur „Lebewesen“ berücksichtigt werden,
die als "Personen" gelten, weil sie Präferenzen haben oder artikulieren
können. Dazu zählen höher entwickelte Tiere, während
bspw. Neugeborene oder Menschen mit schweren geistigen Behinderungen ausgeschlossen
werden. Singer ist zwar der bekannteste Bioethiker, nicht aber der Vertreter
der Bioethik. Innerhalb der Bereichsethik "Bioethik" sind auch viele andere
Ethiktheorien vertreten. Nun gibt es Unterschiede zwischen den ethischen
Ansätzen. Alle Ethiktheorien können aber zu kritikwürdigen
Urteilen kommen, wenn die Sensibilität für den Einzelfall und
den gesellschaftlichen Kontext fehlt.
3.
Vier-Prinzipien-Modell: Der im angelsächsischen Raum verbreitetste
Ansatz von Beauchamp und Childress versteht sich als Mittelweg zwischen
den beschriebenen „bottom up“ und „top down“ Modellen. Er geht davon aus,
dass die vier Prinzipien Autonomie, Wohltätigkeit, Nichtschädigung
und Gerechtigkeit ein konsensfähiges, praktikables Modell für
die ethische Urteilsbildung abgeben, da sie mit den Grundlagen verschiedener
Ethiktheorien vereinbar seien. |