Vor 100 Jahren
gegründet:
Vom Deutschen Monistenbund
über die Freigeistige Aktion/Deutscher Monistenbund zur Freigeistigen
Aktion für humanistische Kultur
Bericht
über das jüngste Seminar der FA am 28. Oktober 2006 in Neustadt
am Rübenberge
Das zweite Seminar
dieses Jahres (nach der Mai-Veranstaltung zum Thema „Was ist Bioethik?“)
am 28. Oktober 2006 stand ganz im Zeichen des 100-jährigen Bestehens
der Freigeistigen Aktion für humanistische Kultur. Die am 11. Januar
1906 als Deutscher Monistenbund gegründete Vereinigung hatte sich
aus diesem Anlass das Thema „Monismus und Naturwissenschaft“ gestellt.
Nachdem der Vorsitzende
der FA, Arnher E. Lenz, die über 30 Teilnehmer im Katharinensaal des
Schlosses Landestrost in Neustadt/Rbge. begrüßt und die Referenten
vorgestellt hatte, gab er einen kurzen Überblick über die geplanten
Vorträge.

Der Biologe Dr. Dr.
Jan Bretschneider aus Jena sprach über das Thema „Der Monismus und
die Welträtsel“.

Dr. Heiko Weber, Mitarbeiter
im Ernst-Haeckel Haus in Jena, sprach über die Zeit vor der Gründung
des Monistenbundes und das geistige Klima in Deutschland, das sein Entstehen
begünstigte.

Dr. Volker Mueller,
Philosoph und Präsident des Dachverbandes Deutscher Weltanschauungsgemeinschaften,
referierte über „Philosophischen Monismus und Naturwissenschaft, eine
Voraussetzung für monistische Weltanschauung“.
Und schließlich
gab Arnher E. Lenz einen Einblick in die Entwicklung des Monistenbundes
in jüngerer Zeit: „Deutscher Monistenbund; Freigeistige Aktion – Deutscher
Monistenbund; Freigeistige Aktion für humanistische Kultur; Gerhard
v. Frankenberg und die Bestrebungen in den ersten Jahrzehnten nach dem
Zweiten Weltkrieg“.

Nach Definitionen zu
den Begriffen „Monismus“ und „Welträsel“ berichtete Jan Bretschneider
über die Zeit aus den Anfängen des Monistenbundes. Der DMB war
stets mit dem Namen seines Gründers, Ernst Haeckel (* 16. Februar
1834 in Potsdam; † 9. August 1919 in Jena), verknüpft, dessen Buch
„Die Welträtsel“ schon vor der Gründung des DMB zu Beginn des
vorigen Jahrhunderts ein „Bestseller“ gewesen war. Jan Bretschneider beschrieb
die große Wirkung der aufklärerischen Arbeit des Zoologen Ernst
Haeckel, die in eine Zeit fiel, in der die Naturwissenschaften einen immer
größeren Stellenwert in der Gesellschaft einnahmen.
Emil Heinrich du Bois-Reymond
(1818–1892), ordentlicher Professor für Physiologie der Universität
Berlin, Mitglied und ständiger Sekretär der Preußischen
Akademie der Wissenschaften Berlin, hielt 1880 vor dieser Akademie eine
Rede, die als Leibnizrede in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist.
In ihr gab er einen Überblick über den Stand des wissenschaftlichen
und weltanschaulichen Wissens zu seiner Zeit. Damit zusammenhängend
kam du Bois-Reymond auf sieben noch ungelöste allgemeine Probleme
zu sprechen, die er als „Welträtsel“ bezeichnete:
„Zum ersten sei die
Frage nach dem Wesen von Materie und Kraft noch ungelöst. Zweitens
harre die Frage nach dem Ursprung der Bewegung ihrer Antwort. Drittens
bleibe die Entstehung des Lebens noch zu ermitteln. Viertens sei die Zweckmäßigkeit
der Naturwirklichkeit zu erklären. Fünftens sei die Entstehung
und Herausbildung der einfachsten Sinnesempfindungen und des Bewusstseins
noch ungeklärt. Sechstens gelte es noch, die Frage nach der Entwicklung
des vernünftigen Denkens und der Sprache zu beantworten. Siebentens
schließlich gebe es noch keine befriedigende wissenschaftliche Klärung
des Problems der Willensfreiheit.“
Du Bois-Reymond wies
darauf hin, dass mehrere Probleme der wissenschaftlichen Lösung harren,
die – in Fragen gekleidet – nicht auf eines reduzierbar sind. Wir können
einen solchen Gedanken bis zu gegenwärtigen Überlegungen führen,
das gesamte Geschehen in einer „Weltformel“ auszudrücken.
Und es war kein Geringerer
als der Jenaer Zoologe Ernst Haeckel, der mit seinem Buch „Die Welträtsel“,
geschrieben 1899, darauf reagierte und in diesem Buch ebenfalls Grundsätzliches
zum Monismus entwickelte. Eines lässt sich wohl sagen: Wenn wir die
Frage nach dem Wesen des Lebens zu den Welträtseln zählen, dann
haben viele Positionen des Monismus und solche Erkenntnisse, die von diesen
Standpunkten aus gewonnen wurden, bereits einen erheblichen Beitrag zur
Lösung dieses Welträtsels geleistet.
Dr. Heiko Weber gab
den Teilnehmern des Seminars einen guten Eindruck der Epoche, die die Entstehung
des Monistenbundes ermöglicht hatte. Eine große Rolle hatten
die Arbeiten Charles Darwins gespielt, der wiederum von Haeckel verehrt
wurde. Haeckel, von Darwins Forschungsergebnissen überzeugt, sorgte
dafür, dass Darwins Entwicklungslehre in Deutschland bekannt wurde.
Dafür wiederum wurde Haeckel (als „Gegenpapst“ verschrien) hierzulande
angegriffen, weil er den „Affenprofessor“ unterstützte. Die von Heiko
Weber gezeigten zeitgenössischen Karikaturen Haeckels und Darwins
demonstrierten auf beeindruckende Weise, mit welchen Anfeindungen und mit
welcher Häme sich die fortschrittlichen Denker auseinanderzusetzen
hatten. Nichtsdestotrotz waren Haeckels eigene zoologische und philosophische
Verdienste zum Zeitpunkt der Gründung des Monistenbundes bereits so
groß, dass Straßen nach ihm benannt worden waren und er schon
zu Lebzeiten eine Legende geworden war.
Zu Beginn des 20.
Jahrhunderts war die Suche nach naturwissenschaftlich und philosophisch
fundierter Welt- und Lebensanschauung in Deutschland an einen Höhepunkt
gelangt. Freigeistige und säkular humanistische Auffassungen und Positionen
konkretisierten sich, und entsprechende Organisationen, die diese Weltanschauungen
pflegen und weiter entwickeln sowie die kulturellen Interessen der sie
tragenden Menschen öffentlich vertreten wollten, entstanden. Man war
bestrebt, eine monistische Weltanschauung, die mit der freigeistigen Bewegung
verbunden ist, zu entwickeln. So wurde am 11. Januar 1906 der Deutsche
Monistenbund in Jena gegründet, dem sich schnell viele freigeistige
Persönlichkeiten, Wissenschaftler und Künstler anschlossen.
Volker Mueller betonte,
dass es ein Grundanliegen des denkenden Menschen ist, alles Geschehen,
alle Verhältnisse und alle Zustände in der Welt zu einer Einheit
zusammenzufassen. Die Suche nach dem Ursprünglichen, der Ursache,
den inneren Gesetzmäßigkeiten, dem Prinzip, dem Einen, durch
die unsere Welt als Ganzes und All-Eines erkannt und verstanden werden
kann, ist ein bedeutsames Motiv für freies philosophisches Denken.
Es ist von grundsätzlicher Bedeutung, ob wir weltanschaulich die Wirklichkeit
in zwei voneinander unabhängigen Welten, also dualistisch, oder als
Eine Welt, also monistisch auffassen (wollen). Dazu bedarf es zugleich
intensiver philosophisch-weltanschaulicher und natur- und sozialwissenschaftlicher
Anstrengungen und Begründungen.
Man suchte und sucht
einen einheitlichen Grund des Seins und des Daseins. Bei seiner unendlichen
Mannigfaltigkeit ist das Streben nach einem solchen Grund verständlich.
Die monistischen Bestrebungen,
eine wissenschaftlich begründete Welt- und Lebensanschauung zu entwickeln
und zu besitzen, schließen aus, dass man nicht oder noch nicht verstandene
Zusammenhänge der Wirklichkeit bzw. die noch nicht erkannten, ihnen
innewohnenden Gesetzmäßigkeiten durch Spekulation, Konstruktion
oder Eklektizismus ersetzt.
Erst Ernst Haeckel
entwarf auf naturwissenschaftlicher Grundlage eine Weltanschauung des Entwicklungs-Monismus.
Sein Kern ist die darwinistische Einordnung des Menschen in die Natur und
eine auf dem Entwicklungsdenken beruhende Anschauung der Natur (und Gesellschaft),
die zu atheistischen oder pantheistischen Positionen und schließlich
zum Verzicht auf jeden Offenbarungs- und Wunderglauben führt. Haeckel
war der deutsche Zoologe und Philosoph, der die Arbeiten Charles Darwins
in Deutschland nicht nur bekannt machte, sondern auch zur Abstammungslehre
des Menschen ausbaute.
Nachdem der Deutsche
Monistenbund 1933 von den Nationalsozialisten verboten worden war, konnte
er erst 1946 nach seiner Neugründung die Arbeit wieder aufnehmen.
Im Seminarraum des Schlosses ausgelegte Dokumente aus dem Archiv der Freigeistigen
Aktion in Neustadt/Rbge. belegten eindrucksvoll, welchen bürokratischen
Schwierigkeiten der Bund nach dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt war, um
unter der damaligen Militärregierung akzeptiert zu werden. Dass dies
dennoch ohne inhaltliche Probleme gelang, zeigt, dass die Zeit noch immer
bzw. wieder reif für die Ideen und Ziele der Monisten war.
Die Aufgabenfelder,
die
sich der Bund im Laufe der folgenden Jahrzehnte vorgenommen hat, sind u.a.
im Bereich der gewünschten Trennung von Staat und Kirche (z.B. Versuch
der Einführung eines religionskundlichen Unterrichtes statt konfessionellen
Unterrichts in niedersächsischen Schulen), aber auch in Bildungsarbeit
für Jugendliche und Erwachsene (zahlreiche Seminare und Veranstaltungen)
sowie in publizistischer Tätigkeit in freigeistigen Themenbereichen
zu sehen.
Zum 100-jährigen
Bestehen der Freigeistigen Aktion ist erst kürzlich ein Sammelband
im von FA-Mitgliedern gegründeten Angelika Lenz Verlag erschienen,
das neben vielen anderen Publikationen des seit 15 Jahren aktiven Verlages
im Seminarraum ausgelegt war: „Darwin, Haeckel und die Folgen. Monismus
in Vergangenheit und Gegenwart“, herausgegeben von Arnher E. Lenz und Volker
Mueller, in dem die Geschichte des Monistenbundes nachgelesen werden kann.
Ein Begleitbuch, ebenfalls druckfrisch, gehört noch dazu: „Die Wahrheit
soll man nie fürchten! Freigeistige Texte und Vorträge von Gerhard
von Frankenberg“. Letzteres ist dem 1969 verstorbenen Ehrenpräsidenten
der Freigeistigen Aktion/Deutscher Monistenbund gewidmet.

Nachdem auch in den
Pausen zwischen den Vorträgen – bei von Angelika Lenz selbstgebackenen
Torten und Kuchen – schon reger Austausch zwischen den Seminarteilnehmern
stattgefunden hatte, wurde die Veranstaltung mit einer Podiumsdiskussion
zwischen Referenten und Auditorium abgerundet.
Ortrun E. Lenz M.A.
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